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Ist das Wort „behindert“ nicht furchtbar diskriminierend? Jemand ist ein Behinderter, eine Behinderte. Klingt das nicht nach: jemand ist mangelhaft, defekt?

Ja, tut es. Trotzdem drückt das Wort „Behinderte(r)“ sehr genau aus, was diese Person tatsächlich ist: eine Person, die von der Gesellschaft behindert wird. Nicht die Person selbst ist fehlerhaft sondern die Gesellschaft, die willkürlich Normen erzeugt, um bestimmte Personen zu bevorzugen und andere zu behindern.

Ich möchte es an ein paar Beispielen erklären. Dabei halte ich diese Beispiele bewusst in gewisser Weise klischeehaft, denn dies macht sie besonders anschaulich.

Nehmen wir in einem Gedankenspiel an, dass in einer Stadt fast nur Blinde leben. Käme nun ein Sehender in diese Stadt, würde er sich wohl gar nicht zurechtfinden. Warum? Nun, weil Blinde sich mithilfe von Gehör- und Tastsinn orientieren. Es gäbe keine Beleuchtung (wozu auch, wenn niemand da ist, der sie sieht?) dafür jede Menge akustische und haptische Signale. Ein Sehender, gewohnt, sich anhand von optischen Eindrücken zu orientieren, wäre wohl zunächst heillos überfordert. 

Über die Autorin

Evamaria ist Doktor der Rechtswissenschaft, erfolgreiche Juristin, in der Freizeit Künstlerin, Autorin und Sportlerin, – und Autistin.
„Ich bin nicht trotz Autismus‘ erfolgreich sondern wegen meines Autismus‘. Richtig eingesetzt ist Autismus eine besondere Fähigkeit, die mir ermöglicht, außergewöhnliche Leistungen zu erbringen“

Wie orientiert man sich in einem Gebäudekomplex, der weder über Fenster noch Licht verfügt? Wie findet man ein Transportmittel wie z.B. die richtige U-Bahn am Hauptbahnhof, wenn es gar kein Licht gibt? Wie findet man eine Toilette? Woher soll man wissen, wo ein Geschäft ist und welchen Geldschein man dem Verkäufer gerade gibt? Sicher, dass man das Sandwich nicht mit einem Hundert-Euro-Schein zahlt, statt einem Fünf-Euro-Schein? Wer ist jetzt der Behinderte?

Ein anderes Gedankenspiel. In einer Stadt leben fast nur Rollstuhlfahrer. In dieser Stadt ist alles niedriger, weil es in Reichweite der Rollstuhlfahrer sein muss. Es gibt keine Treppen, dafür flache Rampen. Die Wege sind um ein Vielfaches breiter und sauberer. Was geschieht, wenn ein gehender Mensch dort hinkommt? Mit den Rampen wird er wohl zurechtkommen, nicht aber mit den niedrigeren Regalen, Kästen und – ja auch das – niedrigeren Decken. Aufgrund der Tatsache, dass alle sowieso im Rollstuhl sitzen, macht es überhaupt keinen Sinn, hohe Räume zu bauen. Die Räume sind daher so niedrig, dass auch ein Rollstuhlfahrer die Deckenlampe erreichen kann, um die Glühbirne zu wechseln. Der gehende Mensch wird bald unter Rücken- und Gelenksschmerzen leiden, weil er sich ständig bücken muss. So würde er wohl erfahren, was es heißt, von der Gesellschaft bewusst diskriminiert und behindert zu werden. 

Und was wäre, wenn Autisten in der Mehrheit wären? Auch dieses Gedankenspiel sei erlaubt. Nun, in einer Stadt, die auf die Bedürfnisse von Autisten zugeschnitten wäre, gäbe es weniger Reizüberflutung. Weniger Lärm, sehr viel mehr Pflanzen, Parks, Natur. Weniger grelle Farben. Überall Platz genug, um einander bequem ausweichen zu können. 

Spielplatz

Kinderspielplätze mit netten Einzelkojen für jedes Kind, damit jedes Kind seinen individuellen Interessen nachgehen kann, ohne ständig von invasiven anderen Kindern durch Lärm, Bewegung, Nähe bis hin zur Berührung oder aggressives Anstarren belästigt und gequält zu werden. Schulen, in denen jedes Kind einen eigenen Klassenraum für sich allein hat, von der ersten bis zur letzten Schulstunde, damit es sich in Ruhe auf den Unterricht konzentrieren kann, ohne ständig von Lärm und Unruhe abgelenkt zu werden. Ein Unterrichtsplan, der auf einem Matching der Spezialinteressen der Lehrer und der jeweiligen Schüler basiert, sodass die Lehrer den Lernstoff anhand der Spezialinteressen des Kindes individuell aufbereiten und vermitteln können. Käme nun ein sogenanntes „neurotypisches“ Kind in diese Gesellschaft, würde es wohl versuchen, mit anderen Kindern Kontakt aufzunehmen, ohne zu realisieren, dass bereits angesehen zu werden dem anderen Kind unangenehm ist, dass jede Bewegung, die es macht, vom anderen Kind körperlich schmerzhaft wahrgenommen werden kann, jedes Geräusch eine phonetische Qual sein kann oder einfach Körpergeruch schon zu intensiv und daher unerträglich ist. Das Kind wird – so sind neurotypische Kinder – sich spontan verhalten. Für die autistischen Kinder ist das eine absolute Horrorvorstellung – da ist ein Kind, das völlig unberechenbar ist. Das sich invasiv verhält und ständig die Gefühle anderer ignoriert, allen Stress bereitet, ja die anderen mit seinen invasiven Kontaktaufnahmeversuchen quält.

Die Eltern dieses Kindes würden – so sind Eltern nun einmal – verzweifelt Fachärzte aufsuchen, um festzustellen, was ihrem Kind denn fehlt, warum es denn so anders ist als alle anderen. Bis die schreckliche Diagnose gestellt wird: gestörte Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn. Die Sinnesorgane funktionieren, nur verhält sich das Gehirn, als ob ein sehr dicker Filter eingebaut wäre, sodass nur ein Bruchteil der normalerweise wahrgenommenen Reize überhaupt im „Rechenzentrum“ ankommt. 

Die Fachärzte klären die Eltern darüber auf, dass aufgrund der verminderten Wahrnehmung das Kind sich so seltsam verhalte. Es sei nur sehr ungeschickt und nehme gar nicht wahr, dass es anderen Kindern weh tue. Es wolle nur Kontakt, wisse aber nicht wie. Den Eltern wird empfohlen, das Kind in eine Gruppe mit ähnlicher Wahrnehmungsstörung zu geben, das würde dem Kind guttun. 

Leider ist damit zu rechnen, dass das Kind aufgrund seiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit und unterentwickelten Motivationsfähigkeit kaum eine normale Schulausbildung abschließen könne. Das Kind könne zwar Interessen entwickeln, diese aber nicht konsequent genug verfolgen, um daraus die Motivation zum Lernen zu ziehen. Dafür verfüge das Kind wohl über eine bessere Körperkoordination und Geschicklichkeit, als ob die Natur die Minderbegabung einerseits auf der anderen Seite ausgleichen wolle. 

Jegliche höhere Bildung ist wegen der mangelnden Konzentrations- und Motivationsfähigkeit auszuschließen, das Kind werde stets mehr Interesse daran zeigen, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen als mit einem Lernthema. 

Auch warnen die Ärzte die Eltern, dass das Kind wahrscheinlich lebenslang von einem Betreuer begleitet und angeleitet werden müsse. Menschen mit derartigen Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen seien nur eingeschränkt in der Lage, Entscheidungen auf Basis von Logik und erwiesenen Fakten zu treffen und neigen daher dazu, Entscheidungen aufgrund irrationaler, unvorhersehbarer und nicht nachvollziehbarer Emotionsschwankungen zu treffen. Schon zu seinem eigenen Schutz wäre es daher sinnvoll, diese Menschen lebenslang anzuleiten und zu begleiten. Aber auch zum Schutz anderer – leider erweist sich in Studien, dass Menschen mit dieser Wahrnehmungsstörung ethisch korrektes Verhalten schwerer zu fallen scheint und sie dazu neigen, mehr auf den eigenen Vorteil als auf korrektes Verhalten achten und daher leider die Wahrscheinlichkeit, dass sie Schaden verursachen oder unnötige Risiken eingehen höher ist. 

Liebe neurotypische Menschen, hat Euch das jetzt weh getan? Der Gedanke, dass so über Euch gesprochen werden könnte? Dass, wenn Ihr eine Minderheit wärt, Ihr so betrachtet und behandelt werden könntet? Als ob ich Euch eine „eiskalte Dusche verpasst“ hätte? Wenn ja: Es ist nicht meine Absicht, jemanden zu kränken oder jemand weh zu tun, meine Absicht ist, für neurotypische Menschen anschaulich zu machen, was wir Autist:innen täglich erleben, denn wir bekommen täglich „eiskalte Duschen“ (manchmal mehr als wir ertragen können). Ja, es tut uns weh, wenn Autisten nicht als gleichwertig, wenn auch andersartig, betrachtet werden, sondern als „defekt“ und alle Überlegungen dahin gehen, autistische Menschen „zurechtzubiegen“, bis sie in die Gesellschaft hineinpassen ohne Rücksicht auf den Schaden, der dem Autisten dadurch zugefügt wird. Neurotypische Menschen wollen so angenommen, wertgeschätzt und geliebt werden, wie sie sind – und nichts anderes wollen Autisten auch.  

Man stelle sich vor, es gäbe eine Gesellschaft, die niemanden behindert. Die auf die Bedürfnisse aller eine passende Antwort hat und so allen das gibt, was sie brauchen, um ihrerseits der Gesellschaft mit ihren Leistungen förderlich und dienlich zu sein. Eine Gesellschaft, die bewusst wahrnimmt, wann sie jemanden behindert und sich umgehend überlegt, wie sie dieses Hindernis beseitigen könne.
Eine Utopie? Wohl, aber wenn nicht irgendwann jemand anfängt, davon zu träumen, wird sie nie verwirklicht. Wenn genug Menschen lang genug dafür kämpfen, gibt es zumindest eine Chance.

 

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